We start our new Expertise-Series by presenting you the astonishing results and findings of the scientific analysis made by our MSP-experts Carsten Wintermann and Uwe Golle from the “Klassik Stiftung Weimar”. Book2Net’s innovative technology for multispectral analysis was used to thoroughly investigate the drawing of “The Suicide of Lucretia”, previously known as Cranach the Elders work.



Der Selbstmord der Lucretia

Lucas Cranach d.Ä.

Lucas Cranach the Elder

The Suicide of Lucretia

Die Zeichnung der Lucretia aus dem Bestand der Museen der Klassik Stiftung Weimar galt vor der materialtechnischen Untersuchung als Zeichnung von Lucas Cranach d.Ä. bzw. dessen Werkstatt. Auffällig an diesem Blatt ist die heute bräunliche Farbe und eine rückseitig aufgebrachte Quadrierung. Die Verfärbung des Papiers lässt vermuten, dass das Blatt mit Leinöl behandelt wurde, um es transparent zu machen. Dieser Umstand und die bereits erwähnte Quadrierung belegen, dass diese Zeichnung durch Übertragungs- bzw. Vervielfältigungsprozesse zumindest in Teilen nachträglich überformt und verändert wurde. Bemerkenswert ist eine sparsame und zunächst nicht wirklich überzeugende Anlage von Farbproben im Gewand und verschiedene fleckige Strukturen des Hintergrundes sowie eine schwer interpretierbare, skizzenhafte Linie unter der rechten Schulter.

Before the undertaking of an exact material technical examination, this drawing from the Graphic Collection of the Klassik Stiftung Weimar showing the suicide of Lucretia was attributed to Lucas Cranach the Elder, respectively his workshop. Particularly striking features of this sheet are the now brownish color and a back-applied squaring. The discoloration of the paper suggests that the sheet was treated with linseed oil to make it transparent. This circumstance and the already mentioned squaring prove that this drawing was at least in some parts subsequently transformed and altered by transfer or duplication processes. Noteworthy are the frugal and not really convincing application of color samples in the robe, the stained structure of the background and a dubious sketchy line under the right shoulder.

Frontside Visible

Author: Uwe Golle, Carsten Wintermann
Klassik Stiftung Weimar- Graphic art collections

Rückseite

Backside

Die Rückseite zeigt zum einen die Quadrierung. Andererseits finden sich verschiedentlich rötliche Farbspuren entlang der Hauptlinien, die sich offensichtlich unter der Quadrierung befinden. Insbesondere die Quadrierung legt die Übertragung der Zeichnung auf ein Gemälde nahe. Dazu wurden der Entwurf und die grundierte Leinwand mit quadratischen Gittern aus waagerechten und senkrechten Linien versehen, so dass die entstehenden Felder maßstabsgerecht übertragen werden konnten.Je nach dem gewählten Maßstab konnte eine Verkleinerung oder Vergrößerung erreicht werden.

The backside clearly shows the squaring. In addition, there are various reddish traces of color along the main lines, which are obviously lying under the squaring. In particular, the squaring suggests that the drawing was used as a tranfer template for a painting. For this purpose, the sketch and the primed canvas were provided with square grids of horizontal and vertical lines, so that the resulting fields could be transferred to scale. Depending on the chosen scale a reduction or magnification could be achieved.

Backside Visible

Wasserzeichen

Watermarks

Im Durchlicht ist zunächst die typische Papierstruktur eines manuell aus der Bütte geschöpften Papiers erkennbar. Stege und Rippen haben das für Büttenpapier typische Muster hinterlassen. Einschlüsse, dünne Stellen im Papiervlies und die für den manuellen Schöpfvorgang typischen Wolkenbildungen rechts und links der Stege werden ebenso sichtbar, wie das Wasserzeichen links der Blattmitte.

In transmitted light, the typical structure of handmade laid paper is initially recognizable.
Webs and ribs have left the typical pattern of wide-spaced chain lines and narrowly spaced laid lines. Inclusions, thin spots in the paper fleece and the specific cloud formations on the right and left of the webs are just as visible as the watermark to the left of the center of the sheet.

Transmitted Light

Papierstruktur

Paper structure

In einem automatisierten Prozess erfolgt die Separation der Papierstruktur. Dabei wird die Darstellung weitestgehend ausgeblendet, um Papierstruktur und Wasserzeichen möglichst objektiv auswerten zu können. Im Falle der Lucretia konnte so das Wasserzeichen einer Krone mit zweikonturigem Bügel und den Buchstaben HS sichtbar gemacht werden. Ähnliche Zeichen sind zwar häufig nachzuweisen, allerdings sind die Initialen „HS“ unter diesen Zeichen generell nur für den Zeitraum 1624-1630 belegt. Nach 1630 wurde das „HS“ dann offensichtlich gegen ein „MS“ getauscht. Damit kann ein Papierverwendungszeitraumlediglich für die 1620er-Jahre angenommen werden. Es handelt sich somit auf keinen Fall um ein Werk Lucas Cranachs d.Ä oder seiner Werkstatt und kann der ersten Cranach-Renaissance um 1630 zugerechnet werden.

In an automated (lighting) process, the paper structure is separated. In doing so, the drawing is largely hidden to evaluate the paper structure and watermarks as objectively as possible. In the case of the Lucretia, the watermark of a hoop crown with two bands and the letters „HS“ could be made visible. Although similar signs can often be proved, the initials „HS‘ are only documented for the period between 1624 and 1630. After 1630, the „HS‘ was obviously swapped for a „MS‘. Thus, the period of paper use can be limited to the 1620s. Hence, it has been proven that the drawing is by no means a work by Lucas Cranach the Elder himself or his workshop, but has to be attributed to the first Cranach renaissance around 1630.

Frontside Phaseshift

Farbproben

Color sample

In der UV-Aufnahme werden insbesondere organische Materialien visuell verstärkt angezeigt. Auch die Eisengallustinte wird wegen der enthaltenen Tannine erheblich verstärkt. Die Farbproben am Ärmel der Lukretia reagieren deutlich, während die Weißhöhungen unverändert bleiben. Das Potential der Aufnahme zeigt sich unter anderem in der leichten Verfärbung der Schulter, die eine leichte Weißhöhung zeigt, die im normalen Licht kaum sichtbar ist und den deutlich verstärkten Spritzern von Eisengallustinte links neben dem Gesicht der Lukretia.

Under UV light particularly organic materials are made much more visible. Due to the containing tannins, the iron gall ink is also significantly intensified. The color samples on the sleeve react clearly, while the white heightenings remain unchanged. The potential of this image under UV light is shown, inter alia, in the slight discoloration of the shoulder, revealing a gossamer white heightening hardly visible in normal light, as well as in the distinctly intensified splashes of iron gall ink on the left side of the face.

Frontside UV

Zeichenmittel

Drawing tools

Ebenfalls automatisiert kann im Bedarfsfall eine UV-Falschfarbenaufnahme generiert werden. Diese erlaubt die ganzheitliche visuelle Differenzierung der verwendeten Zeichenmittel und grundsätzliche Aussagen über die Werkgenese. Im Beispiel der Lucretia ist die Eisengallustinte durch die typische rötliche Färbung deutlich von den Lavierungen in Rußtusche und den skizzenhaften Binnenstrukturen des Gewandes, in Azurit ausgeführt, unterscheidbar. Die durchgehende violette Färbung des Papieres ist auf die Behandlung mit Leinöl zurückzuführen.Schulter, die eine leichte Weißhöhung zeigt, die im normalen Licht kaum sichtbar ist und den deutlich verstärkten Spritzern von Eisengallustinte links neben dem Gesicht der Lucretia.

If required, a false-color image can also be generated automatically under UV light. This allows for the holistic visual differentiation of the drawing tools used and fundamental statements about the work‘s genesis. Due to the typical reddish coloration, the iron gall ink is clearly distinguishable from the washings of carbon ink and the sketchy internal structures of the garment executed in azurite. The continuous violet coloration of the paper is due to the treatment with linseed oil.

Frontside UVFC

Tinten

Types of ink

Die Infrarotaufnahme zeigt zunächst ein deutliches Verblassen der Tintenzeichnung. Dies stützt die bereits ausgeführte Annahme, dass es sich um Eisengallustinte handelt. Diese verblasst in einem Wellenlängenbereich von ca. 1100 nm bereits sichtbar. So können gegebenenfalls Unterzeichnungen sichtbar gemacht werden. Im Beispiel wird die Differenzierung von Rußtusche und Eisengallustinte - insbesondere in den Ärmeln - besonders deutlich sichtbar. Kohlenstoffhaltige Zeichenmaterialien werden so verstärkt dargestellt. Die Quadrierung dürfte in dieser Aufnahme in etwa den Eindruck vermitteln, den das Blatt zum Zeitpunkt deren Aufbringung auf das damals frisch geölte und damit transparente Papier hatte.

To begin with, the infrared image shows a significant fading of the ink drawing. This supports the assumption that the type of ink used has to be iron gall ink which already fades visibly in a wavelength range of about 1100 nm. Thus, if necessary, signatures can be made visible. Furthermore, in this example, the differentiation between carbon ink and iron gall ink is clearly visible, especially in the sleeve areas. Carbonaceous drawing materials are significantly intensified. In this image, the squaring would convey the impression that it had at the time of its application on the freshly oiled and therefore transparent paper.

Frontside IR

Zeichenmaterialien

Drawing materials

Mittels der automatisch aus den angefertigten Aufnahmen verschiedener Wellenlänge generierten IR-Falschfarbenaufnahme sind die bei der reinen IR-Aufnahme besprochenen materiellen Eigenschaften der Lucretia deutlich unterscheidbar. Beispielsweise ist nun auf einen Blick die unterschiedlich Verwendung und Abfolge von Zeichenmaterialien sichtbar. So kann in der skizzenhaften Anlage der Ärmel klar die Eisengallustinte von Rußtusche, Kupfergrün und Azurit differenziert werden.

The infrared false-color image, which is automatically generated from images of different wavelengths, clearly shows the distinguishable physical properties of the above-mentioned drawing materials under pure infrared light. For example, the different use and sequence of drawing materials is now visible at a glance. Thus, in the sketchy areas of the sleeves, the iron gall ink can be clearly differentiated from carbon ink, copper green and azurite.

Frontside IRFC

Umrisszeichnungen

Contour/outline drawing

Aus dem technisch ebenfalls möglichen Gesamtprogramm der verschiedensten Aufnahmen und generierbaren Digitalisaten zeigt hier die UV-Aufnahme der Rückseite der Lukretia extrem verstärkt eine abgedrückte Umrißzeichnung. Ganz klar ist hier erkennbar, dass es sich nicht um eine gezogene Linie handelt. Das Farbmaterial liegt in Punkten nebeneinander auf dem Bildträger. Damit wird klar, dass das transparent gemachte Papier rückseitig ein Abklatsch eines heute nicht mehr vorhandenen Gemäldes von Lucas Cranach d.Ä. ist.

Within the diverse overall program of technically possible images and digital representation, here, the example of the UV image of the backside of the Lucretia shows an extremely intensified counterproofed outline drawing. It is quite obvious that it is not a drawn line. The color material lies in points next to each other on the image carrier. This leads to the conclusion that on the reverse side the transparently made paper is a copy of a no longer existing or unknown painting by Lucas Cranach the Elder.

Backside UV

Abklatsch

Conterproof

Die Gemäldegalerie der Museumslandschaft Hessen Kassel in Schloss Wilhelmshöhe besitzt ein Gemälde mit einem augenscheinlich sehr ähnlichem, jedoch vergrößerten Motiv. Legt man beide Werke digital skaliert übereinander, sind sie nahezu vollkommen deckungsgleich. Die Vergrößerung der Vorlage ist über die Quadrierung leicht nachvollziehbar. Auch die Farbanlage entsprach dem blaugrünen Gewand der Lukretia des Gemäldes. Die zunächst nicht interpretierbare Linie und Flecken im Hintergrund der Zeichnung sind die präzise Verortung des Bergrückens und der Stadtbefestigungen. Mit dieser Erkenntnis konnten mit einer Detailaufnahme der Farbspuren der Rückseite Details der Befestigungsanlage nachgewiesen werden. Diese sind somit auf der Rückseite der Patrone, auf der Gemäldekopie - jedoch nicht auf der Vorderseite der Patrone ausgeführt.

The Picture Gallery of the Museumslandschaft Hessen Kassel at Schloss Wilhelmshöhe holds a painting with an apparently very similar but enlarged motif. If you put both works digitally scaled on top of each other, they are almost completely congruent. The enlargement of the template is easy to understand via the squaring. Also the color scheme of the drawing corresponded to the blue-green robe of the Lucretia in the painting. The above-mentioned initially dubious line and spots in the background of the drawing are now clearly identifiable as the outlines of the ridge and the city fortifications. With this insight, evidence of details of the fortification could be proved with a detailed image of the backside color traces. Consequently, these are on the backside - on the copy of the painting - but not on the frontside of the drawing.

Counterproof

Fazit

Conclusion

Ein Abklatsch wurde mit einem transparenten Papier von einem Gemälde abgenommen, und auf die Vorderseite das Papiers durchgezeichnet. Dort erfolgte die Anlage des Farbprogramms und der Weißhöhungen. Details, die dem Kopisten scheinbar leicht erinnerlich waren, wie der Bergrücken oder die Anlagen der Stadtbefestigung, wurden zwar mit abgeklatscht, aber nicht auf die Vorderseite übertragen.

Using a transparent paper, a copy was taken from the painting and marked on the front of the paper. On the front side the color program and the white heightening were layed out. Details that the copyist apparently could easily remember, such as the ridge or the fortifications, were indeed stencilled but not transferred to the front.

Im Ergebnis der materialtechnischen Untersuchung mit den neuen Möglichkeiten der x71 kann die Entstehung der Patrone nun selbst erklärt und deren Verwendung zur Kopie eines Gemäldes rekonstruiert werden.

As a result of the material examination using the new technical means of the x71 camera, the origin of the stencil can now be explained and its use as a copy of a lost or unknown painting be reconstructed.

Mit der Quadrierung erfolgte die eigentliche Übertragung und Vergrößerung auf die Holztafel des Kasseler Gemäldes. Es handelt sich also nicht nur nicht um einen Cranach, sondern im eigentlichen Sinne auch nicht um eine Zeichnung.
Sämtliche Spuren sind direkte Ergebnisse einer Anfang des 17. Jahrhunderst durchaus üblichen und mit hoher Professionalität ausgeführten Kopierpraxis.

With the squaring, the actual transfer and enlargement process took place onto the wooden panel of the Kassel painting. Consequently, the examined work is not only no Cranach, but in the true sense no drawing at all.
All traces are direct results of a copying practice quite customary at the beginning of the 17th century and carried out with a high level of professionalism.

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